Der Musterknabe / Patrick Redmond

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Was macht für euch einen guten Thriller aus? Die Frage habe ich mir bei diesem Buch immer wieder gestellt. Eine gute Handlung in Form von Figuren, Spannungsanstieg und ein Schluss, der alles aufklärt und beruhigt. Gelesen habe ich gerade „Der Musterknabe“. Älteres Buch, und bei der Rebuy Challenge vor zwei Jahren gewonnen. Hat Rebuy also Geschmack?


==ooo AUTORENPORTRAIT ooo==
Patrick Redmond, geboren 1966, schrieb schon während seiner Schulzeit Geschichten. Auf Drängen seines Vaters absolvierte er aber ein Jurastudium und arbeitete danach in verschiedenen Anwaltskanzleien in London. In seiner Freizeit verfasste er seinen ersten Roman "Das Wunschspiel", mit dem er international für Furore sorgte und die Bestsellerlisten stürmte. Mittlerweile folgten diesem sensationellen Debüt zwei weitere Romane, "Der Schützling" und "Der Musterknabe"; das vierte Buch des Autors ist bereits in Vorbereitung.  (Quelle: Amazon.de)

==ooo DAS COVER ooo==
Ganz ehrlich, ich finde es hässlich. Eine Kirche oder ein altes Haus wurde von den Zinnen her fotografiert. Ich finde es langweilig und nicht ansprechend. 

==ooo DIE WICHTIGSTEN FIGUREN IM ÜBERBLICK ooo==
Ronnie – Einzelkind, lebt im Haus vom Onkel, liebt seine Mutter, Vater ist verschwunden
Susan – Verliert ihren Vater, Stiefvater ist gemein, Susan tut alles für ihre Mutter
Tante Vera – Böse Hexe, Mutter von zwei Jungs, will mehr sein als sie ist
Anna – verliebt in einen Geister-Soldat, stark und doch naiv

==ooo INHALTLICHE FAKTEN ooo==
Ort: England, London
Zeit: 1950er
Perspektive: Verschiedene Perspektiven
Alter der Figuren: ab Geburt

==ooo AUSGEWÄHLTES ZITAT FÜR DIE VERANSCHAULICHUNG DES STILS ooo==
Hepton, Greater London, 1945

Ein Spätnachmittag im Juni. In der stickigen, grau gestrichenen Praxis bereitete sich der Arzt mit einem Räuspern auf ein Gespräch vor, das er mittlerweile auswendig konnte.
»Es besteht kein Zweifel. Sie sind schwanger. Im fünften Monat, würde ich sagen.«
Das Mädchen gab keine Antwort. Bestimmt hatte sie schon damit gerechnet.
»Also kein Hungern mehr. Sie müssen darauf achten, dass Sie bei Kräften bleiben. Schließlich essen Sie jetzt für zwei.«
Noch immer keine Antwort. Er lehnte sich zurück und betrachtete sie. Sie war ein hübsches Ding: rotblondes Haar, feine Gesichtszüge, blassblaue Augen. Kein Ehering. Nervös rieb sie sich über die Unterlippe. Mit ihrer weißen Bluse und dem knielangen Rock wirkte sie wie ein Kind. Was sie im Grunde ja auch noch war. Aus ihrer Krankenakte wusste er, dass sie Anna Sidney hieß und in drei Monaten siebzehn Jahre alt wurde. Das war aber nicht das Einzige, was er in dieser Akte über sie gelesen hatte. »Handelt es sich bei dem Vater um einen Soldaten?« Sie nickte. »Ist er noch hier?« »Nein.« (Zitat der ersten Sätze aus dem Prolog)

==ooo INHALT IN EIGENEN WORTEN ooo==
Anna ist jung, als sie nach dem zweiten Weltkrieg einen Soldaten kennenlernt und ihm glaubt, dass er sie auch liebt. Sie verbringen eine Nacht zusammen bevor er wieder zurück muss. Er verspricht zwar wiederzukommen, aber außer ihr glaubt niemand dran. Nicht nur die Hoffnung ist ihr geblieben, sondern auch ein kleines Baby, welches wenige Monate später zur Welt kommt. Obwohl sie es zur Adoption freigeben soll, wie viele andere Mädchen, behält sie ihren Ronnie. Nur durch ihn übersteht sie die nächsten Jahre. Er ist ihr Sonnenschein, der sie verteidigt, wenn die böse Tante Vera sie wieder ausbeutet und er ist es, der immer an sie glaubt. So gestattet er ihr auch eine neue Stelle anzunehmen, wo sie als Gesellschafterin für eine ältere Dame arbeiten soll, die jedoch aus gesundheitlichen Gründen keine Kinder im Haus haben darf. Er bleibt bei Tante Vera und ihren fiesen Jungs, die ihm das Leben zur Hölle machen. Aber Ronnie ist nicht auf den Kopf gefallen und sorgt dafür, dass auch die andere leiden.
Zeitgleich wächst Susan bei ihrer Familie auf. Ihren Vater liebt sie über alles, ihre Mutter ist gerne mal depressiv, aber alles ist wunderbar, bis ihr Vater einen plötzlichen Herzinfarkt bekommt und vor ihren Augen stirbt. Die Mutter, völlig verzweifelt, heiratet den nächst Besten und der Stiefvater hat ganz andere Absichten. Schon wenige Wochen nach der Hochzeit fangen die Besuche bei Susan an, die aus Angst immer schweigt. 
Als die alte Dame von Anna stirbt, bekommt sie die Möglichkeit mit Ronnie dort zu leben, und beide nutzen die Chance. So lernt Ronnie Susan kennen und verliebt sich in das Mädchen, das ihm so gleich ist. Beide schmieden einen perfiden Plan, doch Ronnie ist bösartiger als Susan es je für möglich gehalten hätte und sie weiß, dass sie sich von ihm distanzieren muss.

==ooo MEINE LESEEINDRÜCKE ooo==
Es ist für mich das erste Werk von Patrick Redmond, und hätte ich es nicht durch Zufall bei Rebuy gewonnen, ich hätte  es mit 100% Wahrscheinlichkeit nie gelesen, weil ich das Cover meiner Ausgabe einfach grausam und langweilig finde. Der Klappentext ist jedoch interessant und konnte meine Neugierde wecken. Obwohl ich im Nachhinein betrachtet der Meinung bin, dass der Klappentext nicht ideal gewählt ist. Einfach aus dem Grund, dass ich ein erwachsenes Paar vor meinem inneren Auge hatte, und mich lange Zeit gefragt habe, wann sie denn nun endlich älter werden. Konsequenterweise sind die Figuren im Teenageralter bzw. Heranwachsend. 

Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven und in meinen Augen ist es dem Autoren sehr gut gelungen die verschiedenen Charaktere dadurch zum Leben zu erwecken. Mit Ronnie ist ihm ein Kind gelungen, dass nicht von Natur aus böse ist, sondern durch seine Umgebung zu diesen Charakterzügen gedrängt wird. Am Anfang empfindet man noch starkes Mitleid mit dem Jungen, der immer wieder als Bastard angesehen wird, nur weil seine Mutter sich zu ihm bekannt hat. Seine Wut, seine Angst und sein Hass auf die anderen Kinder der Familie sind nur zu verständlich. Und wer käme da nicht auf den Gedanken ein paar böse Streiche zu spielen, um selbst etwas Spaß zu haben und vielleicht einen anderen minimalen Schaden zu zufügen. Doch aus Kinderstreichen werden richtige, und Ronnie gerät immer mehr zu dem bösen Menschen, den der Klappentext erahnen lässt. Nach außen ist er jedoch der Musterknabe, den sich Eltern und Lehrer wünschen. Daher auch der passende Titel und die Erkenntnis, dass in jedem Menschen, den man so kennt, eine böse Seite schlummern kann. 

Susan hingegen ist ein kleiner Engel, der viel zu früh leid erfahren muss. Auch ihre ablehnende Haltung, den Wunsch nach Liebe und Geborgenheit, sowie die spätere Abwehr sind nur zu realistisch umgesetzt. Ihre Verbindung zu Ronnie ist dementsprechend ebenso verständlich. 

Die beiden Handlungsstränge zu verfolgen, macht eigentlich recht viel Spaß, aber ab und an wirkt es eben doch etwas langatmig, wenn dann wieder abgeschweift wird oder sich nach gut 250 Seiten fragt, wann die beiden Figuren sich nun endlich, wie im Klappentext angekündigt, kennenlernen. Die Vorgeschichte ist sehr wichtig, aber hätte gerne rund 100 Seiten kürzer sein können, bevor sich Ronnie und Susan kennenlernen.

Irgendwann ist es jedoch endlich soweit, und recht schnell kommt es zu dem im Klappentext erwähnten Racheplan. Meiner Meinung nach ging das wiederum eine Spur zu schnell und als Leser hab ich mich gefragt, was denn nun noch kommt. Nach diesem Plan kommt in der Tat Ronnies dunkle Seite zum Vorschein, die Dinge überschlagen sich und nehmen dann ein abruptes, aber gelungenes Ende. Trotzdem fand ich es nach dem ganzen Vorgeplänkel einfach zu rasant. Ich muss aber ehrlich zugeben, dass die letzten 200 Seiten die besten Seiten an dem Buch waren, weil sie eine kleine Eigendynamik hatten, spannend waren und zum Klappentext passten. Schon mit 100 Seiten hätte man die Hauptfiguren und ihre Geschichte gut einführen können. Zumindest ist das meine Meinung. 

FAZIT: „Der Musterknabe“ ist anders als erwartet, kann aber vor allen Dingen durch seinen genialen Schluss punkten. Wer sich schon immer mal mit der bösen Seite von Kinderseelen beschäftigen wollte, kann das Buch ruhigen Gewissens lesen. Ein echtes Thriller-Highlight mit Wow-Effekt ist es jedoch in meinen Augen nicht. Die Thematik von Bastard, sexueller Missbrauch, Soldaten-Lügen ist auf jeden Fall interessant, aber ganz ehrlich, man verpasst nicht unbedingt etwas, wenn man das Buch nicht liest. Es hätte gerne etwas kürzer sein dürfen, aber da das Buch bei vielen Lesern sehr gut ankommt, kann ich nur sagen, schaut es euch an, vielleicht ist es ja was für euch. 

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