Survive / Alex Morel [Rezension]

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»Nun ja, es ist nicht einfach kalt. Es ist bitterkalt. Zweistel- lige Minusgrade. Mindestens. Kälter als kalt.« »Das sagt mir absolut nichts«, gebe ich zurück. »Willst du es genau wissen?«
»Ja, will ich.« »Also gut«, murmelt er. »Meine Pisse – sie ist in dem Moment gefroren, als sie den Schnee berührt hat. Es ist eiskalt. Die Temperaturen müssen in der letzten Nacht um zwanzig, dreißig Grad gefallen sein.« Er hält inne. »Und der Wind wirbelt den Schnee und das Eis herum, es fühlt sich an wie fliegende Nadeln im Gesicht.« (Zitat S. 110)

Klingt kalt und nicht gerade schön, oder? Wenn ihr wissen wollt, wie ihr bei Minusgraden, abseits der Zivilisation und mit nur wenigen Lebensmitteln und gar keinen Getränken überleben wollt, dann könnte der nachfolgende Buchtipp etwas für euch sein. Aber schaut einfach und entscheidet selbst. 

== BUCHFAKTEN ==
Autor: Axel Morel
Titel:  Survive - Wenn der Schnee mein Herz berührt
Taschenbuch: 256 Seiten
Verlag: Egmont LYX; Auflage: 1 (2. Juli 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3802597567
ISBN-13: 978-3802597565
Originaltitel: Survive
Preis: € 9,99
Genre: Drama, Überleben, Selbstmord, Flugzeugabsturz
Gelesen in: 2 Tagen

== DIE WICHTIGSTEN FIGUREN  IM ÜBERBLICK ==
Jane – Selbstmordkandidatin, Planerin und Denkerin
Paul – Stark, Sportlich, witzig

== INHALTLICHE FAKTEN ==
Ort: USA
Zeit: Gegenwart 2010er
Perspektive:

== GESCHRIEBEN WURDE ES VON==
Alex Morel lebt in Montclair, New Jersey. Er ist Vater von zwei Kindern und hat einen Hund namens CC. Survive. Wenn der Schnee mein Herz berührt ist sein erster Roman.  (Quelle: Amazon.de)

== DOCH WORUM GEHT ES DENN NUN GENAU==
Jane hat die Nase voll von ihrem Leben. Sie ist sich nun endlich sicher, dass sie sterben möchte und hat alles akribisch bis ins kleinste Detail geplant. Seit ihr Vater sich vor einigen Jahren an Weihnachten das Gehirn aus dem Kopf gepustet hat, und sie von den anderen Selbstmördern in der Familie weiß, hat sie es schon zwei Mal eher lieblos probiert. Die Ärzte nennen es „Den Wunsch nach Aufmerksamkeit“, Jane hingegen „Den Wunsch herauszufinden, ob sie wirklich bereit ist“. Ja, sie ist es, und hat alles dafür getan. Heute fliegt sie zu ihrer Mutter nach Hause auf Besuch. Sobald sie die Klinik verlassen hat, holt sie sich einen bestimmten Tablettenmix und über den Wolken im Flugzeug wird sie ihn nehmen. Bis zur Landung ist sie definitiv nicht mehr unter den Lebenden. Trotz vieler kleiner Pannen und einer großen Nervosität klappt alles bis zum Gang auf die Toilette. Dort passiert es. Das Flugzeug beginnt abzustürzen, die Pillen fallen ihr aus der Hand, sie wird bewusstlos und als sie erwacht, ist das Flugzeug in einem schneebedeckten Gebiet am Boden angekommen. Nur ihr Sitznachbar, der Bergsteiger Paul hat überlebt. Beiden ist klar, dass sie in dieser Kälte und an diesem Ort nicht überleben können und kämpfen sich durch die Wildnis, steile Berghänge hinauf und durch hohe Schneewehen. Immer mit dem Wunsch zu überleben. Doch sie haben nur wenig Essen, nur aufgetauten Schnee zu trinken und Jane ist nicht gerade eine Überlebenskünstlerin, schließlich wollte sie bis zum Absturz sterben. Was der Absturz geändert hat weiß sie nicht und so folgt sie Paul in Richtung möglicher Rettung.  Unterwegs verliebt sie sich in den sensiblen, starken und witzigen jungen Mann, was noch ein Grund mehr zum Kämpfen ist. Doch dann stürzt Paul und Jane muss nun die Rolle der Anführerin übernehmen, wenn sie überleben wollen. Ein Wettlauf mit der Zeit und gegen das Wetter beginnt.

== MEINE MEINUNG ZUM BUCH ==
„Survive“ ist das Debüt aus der Feder von Axel Morel und befasst sich mit den Thema Selbstmord und Lebensmut. Das Thema Selbstmord wird von dem Autor auf eindrucksvolle und einzigartige Weise umgesetzt. Highlight ist im ersten Moment ganz klar das Cover und war nebst des Klappentextes einer meiner Lesegründe. Ich mag die Farbkombination total leiden.

Fast jeder hatte schon einmal in seinem Leben den Punkt, wo er mit dem Gedanken gespielt hat, was wäre wenn ich mich umbringe oder wenn ich sterbe oder ähnliches. Mit diesem Gedanken spielt der Autor. Allerdings und das mag an seinem Debüt liegen, übertreib er es einfach in vielen Punkten. Dadurch wirkt das Buch an manchen Stellen etwas künstlich. Jedoch ist die Kernaussage der wichtigste Aspekt und ganz ehrlich, dieser wird sehr gut vermittelt. Aber erst einmal der Reihe nach.

Jane ist eine Figur, die ein schweres Trauma erlebt hat und nie verwunden zu haben scheint. Der Leser stellt sich die Frage, wie er wohl selbst reagieren würde, wenn viele in der Familie sich schon umgebracht hätten und der eigene Vater sogar an Weihnachten Selbstmord begeht. Die Tatsache, dass es in jeder Generation Selbstmörder gibt, ist übertrieben, aber soll  verdeutlichen, dass diese depressive Ader vererbt werden kann. Janes Hintergrund für ihre Versuche, sprich kleinere Aufmerksamkeitsrufe, sind noch verständlich. Allerdings kann ich aus den Gedanken und Dialogen nicht nachvollziehen, warum sie nun doch sicher ist, dass sie es beenden kann und will. Hier hätte der Autor vielleicht schon vorher festere Absichten integrieren sollen oder nur einen Fehlschlag, der in letzter Sekunde endete. Dadurch wäre es greifbarer gewesen. Zumindest für mich. Generell ist Jane keine Figur, die einem wirklich sympathisch ist. Zumindest nicht über die Dauer des Buches. Einerseits wird sie sehr gefasst dargestellt, eine Person, die bis ins kleinste Detail plant und alle Eventualitäten berechnet und trotzdem passieren ihr Fehler, die ihre innere Anspannung widerspiegeln, jedoch ab und an wieder übertrieben sind. Zum Beispiel drängt sie an der Kontrolle, rastet richtig aus wegen Zeitmangel und hat im Grunde noch über eine Stunde Zeit. Dieser Punkt ist verständlich. Unverständlich ist hingegen, dass jemand der durchweg alles plant, sogar den genauen Tablettenmix über Google recherchiert, und der weiß, welche Läden tabu sind, nicht schaut, wo ein Laden ist, der erlaubt ist oder auch den Kauf genau plant. Das sind aber noch Aspekte, die ich okay waren. Warum sie jedoch plötzlich leben will, und nicht einfach im Flugzeug die restlichen Tabletten nimmt, was doch auch ein guter Abgang wäre, konnte ich über ihre Gedanken nicht nachvollziehen. Es gibt zwar Situationen, wo eben ein Klick kommt, aber der sollte beim Lesen besser vermittelt werden.

Abgestürzt, geht es erst einmal mit dem Überlebenskampf los. Jeder hat seine Last zu tragen und Gründe, warum er leben will. Die kleine Liebesgeschichte am Rande ist nett, aber ist nicht wirklich nennenswert und mir kam sogar kurz der Gedanke, ob die beiden sich abseits der Extremsituation überhaupt je näher gekommen wären. Die Dialoge sind witzig, ernst und in meinen Augen sehr gut umgesetzt. Die Überlebenstipps hingegen fand ich nicht so toll umgesetzt und manchmal etwas langatmig. Vielleicht bin ich nicht Bergsteiger genug oder kann nicht logisch denken, verstehe aber nicht unbedingt, warum auf einer Bergkuppe das Überleben eher gewährleistet sein soll als im Tal. Klar sehen einen Flugzeuge mehr, wenn sie einen suchen, aber im Tal sind Straßen und Leute. Das war für mich alles nicht immer zu 100% nachvollziehbar. Man merkt deutlich, dass es dem Autoren nicht um das Überleben mit seinem Kampf in den schneebedeckten Bergen geht, sondern um den inneren Überlebenskampf und die Willenskraft der Menschen bzw. Protagonisten. Im Grunde hätte das Flugzeug auch über einer einsamen Insel abstürzen können. An sich eigentlich gut, aber mich hätte eben der Absturz auch vom Inhalt mehr interessiert, und das ist leider eher oberflächlich und manchmal lieblos umgesetzt. Es ist schwer zu beschreiben und wahrscheinlich auch eine Frage der eigenen Leseintention.

Lässt man sich aber darauf ein und versucht weniger nachzudenken, dann gibt das Buch viel zum Nachdenken über Moral, Ängste, Zweifel und den Lebenstrieb. Auch das Möglichste und Beste aus einer ausweglosen Situation zu machen, ist beeindruckend umgesetzt. Ja, es macht Spaß zu lesen und ist eben vor allen Dingen leicht geschrieben.

Zum Ende hin kam mir jedoch ein Gedanke, und zwar ob Jane nicht vielleicht doch die Tabletten genommen hat und ihr Körper den Todeskampf in diesen Überlebenskampf projiziert. Dieser Gedanke hat mich sehr fasziniert und ehrlich gesagt dem Buch und besonders dem Schluss etwas ganz besonderes verliehen. Ob nun der Überlebenskampf echt war oder nur eine Projektion ihres Gehirns, müsst ihr definitiv selbst lesen

Fazit: Es ist ein gutes Buch mit vielen tollen Stellen, Gedanken und Ideen. Es gibt jedoch auch viele Punkte, die nicht klar umgesetzt wurden oder eher an den Haaren herbeigezogen wirken. Heraus kommt ein Buch, das man Lesen kann, aber nicht muss. Im Grunde hat der Autor definitiv Potential, welches aber noch ausgebaut werden kann. Ich würde mich jedenfalls über weitere Werke aus seiner Feder freuen. Aber nun schaut selbst, ob das Werk vielleicht etwas für euch sein könnte.

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