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Der Herr der Nussknacker / Iain Lawrence

Hallo lieber Leser, liebe Leserin.

Als ich den neuen Katalog von „Freies Geistesleben“ erhielt, habe ich gleich wieder die Kinder- und Jugendbücher durchstöbert. Und ich muss sagen, dass viele tolle, neue Bücher vorgestellt wurden. Eins hat es mir aber besonders angetan, und dieses Buch ist schon fast 10 Jahre alt. Wie ihr aber wisst, liebe ich Werke um die beiden Weltkriege und dieses klang mehr als interessant. Aus diesem Grund freue ich mich sehr, euch „Der Herr der Nussknacker“ vorstellen zu können.

'''o0o WORUM GEHT ES IM BUCH? o0o'''
Johnny wächst mit seinen Eltern auf und hat eine sehr glückliche Kindheit. Das liegt unter anderen daran, dass seine Eltern etwas Besonders sind, und sein Vater als Spielzeugmacher immer wieder tolle Spielzeuge für ihn schnitzt. Besonders die Armee aus 30 Knussknackern, die er zu seinem neunten Geburtstag geschenkt bekommt, ist sein ganzer Stolz. Als der erste Weltkrieg ausbricht, ist er so ins Spielen vertieft, dass er anfänglich nicht viel davon mitbekommt. Lediglich, dass sein Vater leicht traurig ist, denn er ist zu klein für die Armee. Mit andauerndem Krieg wird die Grenze jedoch immer kleiner und eines Tages darf auch sein Vater den Deutschen in den Allerwertesten treten. Die Freude ist in der Familie groß, denn alle gehen davon aus, dass sie Weihnachten zusammen feiern werden und die Deutschen bis dahin verloren haben. Auch in London wird es in diesen Tagen gefährlich und aus diesem Grund muss Johnny zu seiner Tante aufs Land. Von seiner Mutter bekommt er regelmäßig Post, und auch sein Vater lässt es sich nicht Lumpen und schickt neben kleinen Alltagsschilderungen auch immer wieder Soldaten mit, die er im Schützengraben geschnitzt hat. Mit diesen Figuren spielt Johnny jeden Tag im Garten, bis er das Gefühl bekommt, dass seine Schlachten Einfluss auf die echten Erlebnisse seines Vaters haben. Zum Beispiel muss er plötzlich zu einem geheimen Angriff, der Vater seiner Spielkameradin verstirbt nicht nur im Garten, sondern auch auf dem echten Feld und vieles mehr. Deswegen ist Johnny froh immer wieder zu hören, dass sein Vater Billard spielt, und viele ruhige Momente hat, aber eben auch lebt. So gehen die Wochen dahin und bald steht Weihnachten vor der Tür, aber der Sieg selbst rückt in weite Ferne.

'''o0o MEINE LESEEINDRÜCKE o0o'''
Mein Vater war Spielzeugmacher, der beste von ganz London. Miniaturschlösser und Marionetten, Straßenbahnen, Eisenbahnzüge und Kutschen entstanden unter seinen Händen. Er hatte für Prinzessin Mary ein Steckenpferd geschnitzt, auf dem sie durch den Ballsaal im Buckingham Palace ritt. Das Schönste jedoch, was mein Vater je gemacht hat, war eine Armee von Nussknackersoldaten. (ZITAT: DIE ERSTEN SÄTZE)

Mit diesen Worten beginnt das historische Werk von Iain Lawrence, der versucht mit seinem Buch „Der Herr der Nussknacker“ auf anschauliche und erschreckende Art zu zeigen, was sich vor gut 100 Jahren wirklich abspielte und Krieg nichts Schönes ist. Während der Leser am Anfang die Familie und insbesondere Johnny kennenlernt, bahnt sich im Hintergrund ein Krieg an, den gerade die jüngeren Generationen gar nicht einschätzen können. Wer nicht selbst einen Krieg erlebt hat, der verbindet eine leichte Euphorie damit. Die Todeszahlen, Ängste und Schrecken, die er mit sich bringt, werden verdrängt. Dies trifft auch bei diesem Buch zu.

Gerade jüngere Leser bekommen einen schönen Eindruck, was Krieg wirklich bedeutet. Am Anfang ist man für sein Land, möchte die Feinde in den Hintern treten... Nachbarn, Freunde oder Bekannte werden plötzlich zu Feinden, weil sie vor Jahren im falschen Land geboren wurden. Verständlich sind die Gefühle und Gedanken der Erwachsenen, aber auch der Kinder. Würde man vermutlich nicht ähnlich reagieren? Die Situation wird von Iain Lawrence immer weiter ausgebaut. Es ist erschreckend zu lesen, wie sich alle Leute auf ihren Einsatz an der Front freuen, und dabei Stimmen von Leuten, die dort waren, ignorieren. Krieg scheint der größte Spaß der Welt zu sein.

Mit jedem Brief von der Front ändert sich jedoch der Inhalt und die damit verbundene Stimmung. Während am Anfang alles eine Art Campingurlaub zu sein scheint, merkt man mit jedem neuen Brief, dass die Realität bald Einzug erhält. Kalte Nächte im Stehen, Schlamm, Leichenberge wohin das Auge reicht, verletzte Menschen, Gewehrsalven und Granateinschläge rund um die Uhr. Als dem Vater klar wird, dass auch er sterben kann, lässt er seine Angst in seine Figuren einfließen und zeigt auch Johnny, wie es an der Front wirklich ausschaut. Eine Wahrheit, die für ein heranwachsendes Kind alles andere als schön ist. Dementsprechend ist es schön zu lesen, dass der Autor zwar kein Blatt vor den Mund nimmt, es aber versucht kindgerecht zu formulieren, sodass keine schlaflosen Nächte entstehen. Die Aufklärung wird aber für jede Menge Gesprächsmaterial sorgen.

Neben den Briefen bekommt der Leser auch die Zeit für Johnny in England mit. Er sieht, wie Todesbotschaften überbracht werden, das seine Mutter zu sehr in der Waffenfabrik eingespannt ist oder wie er einen scheinbar Toten immer wieder über den Weg läuft. Zusätzlich muss er sich mit den Problemen eines Jungen herumärgern, der Mist gebaut hat und ein Mädchen zur Spielkameradin hat.

Es ist eine schöne, logische und konsequente Entwicklung, sodass es groß und klein Spaß machen wird, der Geschichte zu folgen. Irgendwann nähert sich jedoch Weihnachten 1914 und die Seiten werden immer kürzer. Man erwartet eine tragische Wendung oder etwas anderes. Doch mit dem Weihnachtsbrief endet der Briefverkehr und auch das Buch. Als Leser rechnet man mit dem Schlimmsten und ja, es würde dem Buch einen ehrlichen Ausgang verleihen. Doch das Nachwort ist alles andere als zufriedenstellend. Jahre sind vergangen, der Krieg vorbei und in wenigen Worten erfährt man alles über Personen, Situationen, was noch irgendwie hätte Fragen aufkommen lassen. Dabei wäre die Entwicklung viel interessanter gewesen, und mich hätten 300 weitere Seiten nicht gestört, wenn ihr versteht was ich meine..

Mit diesem rabiaten Ende hat der Autor sich keinen Gefallen getan, denn von mir gibt es dafür einen Punkt abgezogen. Alles in allem eine schöne Aufklärung, die man gelesen haben sollte.

'''o0o NOCH EIN PAAR FAKTEN RUND UM DAS BUCH o0o'''
'''Buchfakten'''
Autor: Iain Lawrence
Titel: Der Herr der Nussknacker
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Freies Geistesleben; Auflage: 1., Aufl. (August 2004)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3772522467
ISBN-13: 978-3772522468
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 11 - 13 Jahre
Originaltitel: Lord of the Nutcracker Men.
Preis: € 10
Genre: Kinderbuch / historisch
Lesedauer: 2 Tage

'''Autorenportrait'''
Iain Lawrence, geboren in Sault Ste. Marie, Ontario, studierte Publizistik in Vancouver und arbeitete anschließend für verschiedene kleinere Zeitungen im nördlichen Teil der kanadischen Provinz British Columbia. Dann ließ er sich in der Küstenregion nieder, wo er zuerst in der Hafenstadt Prince Rupert und dann auf den Gulf Islands lebte. Bevor er sich dem Schreiben von Jugendromanen zuwandte, verfasste der leidenschaftliche Segler zwei Reisebücher über die Küstenregion von British Columbia. 'Der Herr der Nussknacker' wurde zumindest teilweise von Erzählungen seines Großvaters inspiriert, der im Ersten Weltkrieg als Maschinengewehrschütze an der Westfront gedient hatte. (Quelle: Amazon.de)

'''Zitierter Klappentext'''
London, 1914: Johnnys Vater zieht voller Begeisterung in den Krieg gegen Deutschland. Jede Woche schickt er seinem Sohn einen Brief und einen selbst geschnitzten Soldaten. Die Briefe sind euphorisch und die Holzsoldaten haben fröhliche Gesichter. Doch nach und nach werden die Worte des Vaters verzweifelter und in den Zügen der Spielzeugsoldaten spiegelt sich der Schrecken des Grabenkriegs …

'''o0o Zum Schluss zusammengefasst o0o'''

Pro: Stil, aufrüttelnde Ehrlichkeit, bewegende Schilderungen
Contra: Schluss
Empfehlung: Ja
Sterne:4




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